Messe über Texte von Dietrich Bonhoeffer
Die Messe wurde vom St. Paul‘s Evangelical Trust, London, in Auftrag gegeben, zum Gedenken an den 100jährigen Geburtstag des berühmten Theologen. Dietrich Bonhoeffer, geboren am 4. Februar 1906, war ein evangelischer Pfarrer, der in England, den USA und in Spanien tätig war. Er wurde letztendlich in Verschwörungen verwickelt, die ein Attentat auf Hitler zum Ziel hatten, wurde gefangen genommen und schließlich von den Nazis am 9. April 1945 hingerichtet. Bonhoeffer diente zwischen 1933 und 1935 als Pfarrer in zwei deutschsprachigen Gemeinden in London. Die Uraufführung der Messe fand am 5. Februar 2006 in London statt.
Anmerkungen zur Verwendung der vertonten Texte
Ich habe mit Absicht in dem Stück kein harmonisches Schema verwendet. Alle Sätze haben scheinbar eigene tonale Zentren, die im Gesamtkonzept nicht miteinander verwandt sind. So kommen z.B. die Tonzentren f-moll, es-moll, A-Dur, C-Dur, D-Dur, F-Dur, Es-Dur, d-moll, e-moll, H-Dur, As-Dur unter-einander gemischt vor. Das soll auf Dietrich Bonhoeffers ökumenische Überzeugung hindeuten - jeder hat eine individuelle Berechtigung und ist trotzdem Teil des Ganzen. Aus ökumenischer Sicht ist nicht zuletzt durch die verwendeten lateinischen Zitate das Werk sowohl für eine evangelische als auch für eine katholische Messe geeignet.
Kyrie
Auf alle lateinischen Zitate der Messe folgt eine deutsche Übersetzung, nur im Kyrie kommt das "Kyrie Eleison" - Zitat ohne Übersetzung. Das "Kyrie Eleison" kommt an der Stelle, an der Jona seine Schuld bekennt. Es wird im Hintergrund vom Chor intoniert, während Jona singt: "Tut mich von euch, mein ist die Schuld, Gott zürnt mir sehr". Ich habe die lautmalerischen Alliterationen, die sehr stark im Vordergrund des Textes stehen und somit das bildgewaltige Drama dieser Geschichte sehr deutlich unterstützen, noch mehr betont, um die Szene fast opernhaft in den Raum zu stellen. "Krall- krall- krallten", "nass- nass- nassen" und "zitt- zitt- zitterten" verteilt sich zwischen den einzelnen Chorstimmen. Selbstverständlich trifft man im Kyrie auf gewaltige Dissonanzen. Nur während des Kyrie soll der Solist im Chor mitsingen und damit nicht als "Jona" erkennbar sein. Auch nach Jonas Schuldbekenntnis sollte der Solist vom Zuschauer nicht gleich identifiziert werden. Danach agiert der Solist unabhängig vom Chor, teils als Ich-Person, teils als Personifizierung von Dietrich Bonhoeffer.
Benedictus

Der Solist (Tenor oder Bariton) soll das lyrische Ich wie auch Bonhoeffer selbst verkörpern. Das wird besonders deutlich im Benedictus, wo ich das "Gebet für Mitgefangene" - "In mir ist es finster" verwendet habe. Alles was beim Menschen liegt, hat mit dem Kampf auf Erden zu tun - Bitterkeit, Verzweiflung, Hass, Einsamkeit - und wird von dem Solisten dargestellt. Alles was bei Gott liegt - Geduld, Licht, Frieden, Verständnis - wird vom Chor verkörpert. Dadurch entsteht im Benedictus ein scheinbarer Dialog zwischen Gott und dem Menschen. Es lag auf der Hand, gerade dieses Gedicht als Benedictus zu verwenden. Im Vordergrund steht Bonhoeffers mitmenschliche Liebe, da er dieses Gedicht nicht für sich, sondern als Trost für Mitgefangene geschrieben hat. Dadurch schlägt sich die Brücke zu einem Benedictus, dessen Inhalt besagt "Gepriesen sei der, der kommt im Namen des Herren" - er kommt, um uns zu trösten und uns von unserer Verzweiflung, Bitterkeit und Einsamkeit zu befreien. Das Solo-Cello im Benedictus reflektiert die Sehnsucht der Ich-Person, die um Verständnis und Erlösung ringt. So führt das Cello aus den musikalischen Dissonanzen immer in das "Licht" hinein.
Credo

Auch im Credo stellt der Solist den Menschen dar, der Gott um Glauben, Hoffnung und die Liebe zu den Menschen bittet. Für diese Eingangsbitte habe ich ein weiteres "Gebet für Mitgefangene" verwendet: "Heiliger Geist, gib mir den Glauben". Im Anschluss daran habe ich verschiedene Einzelsätze von Bonhoeffer zusammengestellt, die teilweise seine eigene Glaubensüberzeugung klarlegen: "Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen ..." - "Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet ..." - "Ich glaube, dass die Bibel allein die Antwort auf alle Fragen ist und dass wir nur fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen ..." An dieser Stelle antwortet der Chor "Credo in unum Deum, Patrem omnipotentem". Es folgt jetzt das apostolische Glaubensbekenntnis auf Deutsch.
Gloria
Im Gloria habe ich aus den Schriften "Stationen auf dem Wege zur Freiheit" den Absatz "Tat" entnommen: "Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen. Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen. Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens. Nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen." An dieser Stelle fügte ich ein: "Gloria in altissimis Deo". Darauf folgt "Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried', den Menschen ein Wohlgefallen". Dem ganzen Stück unterliegt eine Passacaglia, die aus Sprüngen und Halbtönen besteht. "..das Beliebige...", "...im Möglichen schweben...", "... in der Flucht der Gedanken...": diese Begriffe werden harmonisch immer relativ einfach und gefällig dargestellt. Dagegen enthalten die Gegensätze wie "...wagen...", "...tapfer ergreifen..." Chromatik und große Intervall-Sprünge. Auch die Dynamik folgt diesem Schema - "das Beliebige" im piano, das "wagen" im forte. In dem Teil "Tritt aus ängstlichem Zögern heraus" wird das Passacaglia-Thema, das bisher immer in schnellen Achteln erfolgte, vergrößert und die Passacaglia tritt jetzt in Vierteln bis zum Schluss des Satzes auf. Dadurch wird das "ängstliche" abgeschwächt und es kehrt eine Ruhe ein. Harmonisch könnte dieser Teil an Wagner erinnern, das ist eine durchaus beabsichtigte Reminiszenz an Hitlers Wagner-Verehrung. Wagners Musik ist ein sehr starkes Synonym für "das Deutsche". Das Hinaustreten in die Freiheit wird harmonisch durch das "Gloria in altissimis Deo"-Zitat eingeleitet und das Gloria schließt in seiner "eigenen" harmonischen Sprache.
Sanctus

Als Vorlage für das Sanctus habe ich die drei letzten Verse von "Von guten Mächten" genommen. Ich hatte mich lange dagegen gewehrt diesen Text zu verwenden, da er mir in seiner eigentlichen Textgestalt als vollkommen vorkam. Allerdings verlangte der Schluss des zweiten Verses "all deiner Kinder hohen Lobgesang" geradezu nach einer Sanctus-Vertonung. Er erinnert an die einsetzenden Worte der evangelischen Liturgie, die das gesungene "heilig, heilig" einleitet. Dieses "heilig, heilig" sollte von einer Art evangelischer Hymne dargestellt werden, dazu zeigte sich der letzte Vers "Von guten Mächten wunderbar geborgen ..." im Anschluss daran äußerst geeignet. Das Sanctus beginnt mit "Laß warm und hell die Kerzen heute flammen". Da Bonhoeffer dies zu Silvester 1944 geschrieben hatte, schien es mir selbstverständlich, dass dieser Kerzenschein nicht wirklich in seiner Zelle vorhanden war, sondern nur in seiner Sehnsucht. Deshalb fängt das Sanctus auch sehr dunkel in einem d-moll-artigen Adagio an. Allmählich, mit den Einsätzen der verschiedenen Stimmen, kommt immer mehr Helligkeit in das Stück hinein, bis schließlich der Gesang am Ende eine leuchtende Geborgenheit und Wärme mit sich bringt.
Agnus Dei

Das Agnus Dei fängt an mit a-capella-Chor und nimmt als Vorlage das Gedicht "Christen und Heiden". Ein Walking-Motiv durchdringt das ganze Stück und zeichnet die Schritte von den Menschen zu Gott und von Gott zu den Menschen. Die Stimmen setzen zu unterschiedlichen Zeiten - gestaffelt - mit diesem Motiv ein und es soll der Eindruck erweckt werden, dass immer mehr Menschen zu Gott gehen. Auch die Instrumente nehmen allmählich und versetzt das Walking-Motiv auf. So verdichtet sich sukzessiv das harmonische Gefüge. Mit dem Text "sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot" wird die Brücke zu einer Agnus Dei - Thematik geschlagen. Zwischen dem zweiten und dritten Vers wird ein musikalisches Kreuz angedeutet. Die Tenor- und Sopranstimmen "kreuzen" sich, während Alt und Bass ein Todesglocken-Motiv haben. Ab diesem Zeitpunkt fängt der Text "Gott geht zu allen Menschen" an. Im Gegensatz zur Norm genießen die Heiden in diesem Satz die auflösenden Harmonien, während die Christen die Dissonanzen erhalten. Bei dem Schlußsatz "Und vergibt ihnen beiden" kommt auf die Vergebung ein strahlendes C-Dur. Bis zum Schluss hin haben sich alle Instrumente einschließlich der Orgel dem Walking-Motiv angeschlossen.