GEORG BÜCHNER

Außerirdischer Prophet - Musikalisches Portrait eines Mannes auf der Flucht

von Richard van Schoor

Konzept

Anfangs, als der designierte Regisseur des Büchner-Projekts, Thomas Goritzki, und ich uns wegen der Zusammenarbeit für ein Bühnenwerk zum Büchner-Jahr 2013 trafen, fühlte ich mich etwas skeptisch hinsichtlich des offensichtlichen Fehlens eines Textes, des Nichtvorhandenseins eines sogenannten Librettos im herkömmlichen Sinn. Wir einigten uns auf ein Konzept, welches weg führen würde von der bloßen Einarbeitung oder dem Wiederkäuen von existierenden Büchner- Werken, hauptsächlich auch wegen der Zwangsläufigkeit, mit zahlreichen Aufführungen von Georg Büchners gesamtem Oeuvre im Verlauf des Internationalen Büchner Festivals konfrontiert zu werden, Werke, die ohne Zweifel meisterlich dargeboten würden im Wettstreit um die Beachtung von erwartungsvollen und kundigen „Büchnerianern“.

Wir waren deshalb bestrebt, nicht in die potentielle Falle zu tappen, Büchners Leben auf der Bühne darzustellen und dabei das Drama mit Texten zu durchsetzen, die entweder von seinen Figuren gesprochen wurden oder von ihm selbst. Wir wollten lieber „Büchner-Emotionen“ vermitteln, ein Gefühl entstehen lassen, das der philosophischen und emotionellen Welt des Menschen Büchner entspringt.

Musik

Das Werk beginnt mit Büchners Geburt und obwohl dieses dramatische Ereignis im Widerspruch zu der zuvor genannten Absicht zu stehen scheint, habe ich mich entschieden, es als die Geburt einer Philosophie anzusehen, als Beginn einer neuen Sprache. Die Plazenta, die man am Szenenanfang aus der Bühnentiefe emporsteigen sieht, birgt das Kind Büchner und ist ebenso gefüllt mit Schauspielern, Tänzern und Mitgliedern des Chores. Ich habe mich entschlossen, die Plazenta als einen fernen Planeten zu deuten, der das Kind Büchner transportiert, es in unmittelbare Nähe zu unseren Gefilden bringt. Die „Nicht“-Worte, die ich vertonen sollte, liefen auf eigenständige Konsonanten oder Vokale hinaus, einige zufällig aufgegriffen, andere scheinen das Wort B-Ü-C-H-N-E-R andeuten zu wollen. Um die Sinnhaftigkeit dieser Vorgabe zu übersetzen, wollte ich seine Sprache, seine Philosophie zunächst als etwas darstellen, das nicht sofort verstanden werden kann, etwas, das fremd für uns ist, jenseits der momentanen Intellektualität. Die vom Chor hervorgebrachten Klänge beabsichtigen deshalb, eine fremdartige Sprache anzudeuten: Kinderlaute, aber auch Sender- und Frequenzgeräusche. Büchners Sehnen, mit uns in Verbindung zu treten, sich durch seine Sprache verständlich zu machen, wird u.a. durch elektronische Morsezeichen hörbar. Morsezeichen, die auch den Namen B-Ü-C-H-N-E-R buchstabieren, ziehen sich als Leitmotiv durch das gesamte Werk. Wal-Gesänge und Wassergeräusche, ebenfalls hörbar, werden in Verbindung mit einer spezifischen Orchestration zeitlich genau abgestimmt. Ein anderes Leitmotiv, in der einen oder anderen Form stets gegenwärtig, ist Büchners Herzschlag, der als Leitmotiv bei der darstellen seine Geburt in Bewegung gesetzt und in den Mittelpunkt gerückt wird: durch akustische Einspielungen oder im Orchester aufgeteilt zwischen col legno - Streichern und Pauken / Großer Trommel.

Im Mittelpunkt von Büchners sich entfaltender Sprache, die zunehmend Struktur erhält und somit zugänglicher für uns wird, je weiter das Werk fortschreitet, steht eine rezitierende Schauspielerin, begleitet von einem Sänger, der zur selben Zeit das Alphabet vokalisiert. Es gibt zwölf große Szenen, die mit Staat, Religion, Krieg und Politik zu tun haben, alles vor dem Hintergrund von Büchners Leben als steckbrieflich gesuchter Flüchtling. Ein immerwährender aber verletzlicher Herzschlag gemahnt uns an eine kurze Lebensspanne, an ein Leben, das voll Dringlichkeit gelebt zu werden hat - 23 Jahre - dem keine Zeit für harmloses Vergnügen bleibt. Die letzte Szene: Tod des Kindes Büchner, in dessen Sog ein außergewöhnliches Vermächtnis, eines, das es immer noch fertig bringt zu inspirieren, während es seinen neuartigen und bahnbrechenden Einfluss bewahrt, sogar angesichts der zeitgenössischen Literatur des 21. Jahrhunderts.